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RELEASES > INFINITE ... > REVIEWS > GERMAN > SPEX 10/2001 |
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Spex | Platte des Monats
Mit der Sehnsucht als künstlerischem Antrieb ist das so eine Sache.
Definiert dieses Vorgehen doch mehr als alle anderen sein Ziel über
einen bestenfalls nie endenden Weg: ankommen, sein Glück finden, den
Durst gestillt bekommen - all das darf eigentlich nicht passieren.
Genausowenig darf es sich um eine aufgesetzte, angeheftete
Pseudo-Sehnsucht handeln, eine Geisteshaltung also, die sich aus
Langeweile, jugendlicher Unbekümmertheit, allgemeiner Ahnungslosigkeit
oder gar aus einem falsch verstandenen Zeitgeistgefühl heraus speist.
Wahre Sehnsucht ist ein lebenslanger Fluch, ein Stigma, etwas, was weder
in guten noch in schlechten Zeiten seinen Schrecken verliert. Sehnsucht
ist eben die Sucht nach einem Sehnen, nicht einfach nur das Sehnen nach
irgendetwas, ist also Teufelskreis und Tantalusqual in einem. Diese
Sucht, wie alle Suchterkrankungen, lässt sich nur für sehr kurze Zeit
befried(ig)en, schon drängt es den Betroffenen höchst unerfüllt und von
bestialischer Traurigkeit getrieben weiter, zurück zum eigenen Ich und
dessen unseeligem Sehnen entgegen. Sehnsucht richtet sich eben immer
auch gegen sich selbst, völlig unabhängig davon, worin sie gerade den
Schlüssel zur Erlösung sieht.
Menschen, die so funktionieren, sind nicht zu beneiden, egal wie gut sie
ausschauen, wieviel Geld sie besitzen oder welchen Erfolg sie erzielen.
Auf ihren künstlerischen Output dagegen ist Verlass. Nehmen sie nur mal
Morrisey. Gut, irgendwann ist er einfach alt geworden und Songwriting
war nie seine Stärke, dafür hatte er ja auch den Johnny an seiner Seite,
aber solange diese perverse Sehnsucht in seinem Kopf hauste, da konnte
ihm einfach keiner das Wasser reichen.
"Please, Please, Please Let Me
Get What I Want", "Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me", "Heaven
knows I'm Miserable Now"..., unsterbliche Hymnen archaischer Sehnsucht.
Wieviele junge Menschen, vor allem natürlich junge Männer, haben sich
damit fast zu Tode identifiziert, und dann trafen sie einer nach dem
anderen vor dem Smiths-Konzert ein nettes Mädchen, und zack, futsch war
die ganze nachgeahmte Sehnsucht und Melancholie. Total glücklich ward ab
da ins Autokino gefahren, Eisdielen bevölkert und Händchen gehalten.
Ach, was gehts uns gut. Und die Dire Straits gab es ja auch noch.
Von Morrisey wissen wir auch, dass Sehnsucht eine Menge mit Narzissmus
zu tun hat, auch wenn die Forschung bislang noch nicht so genau weiß, in
welcher Korrelation. Die beliebteste Theorie ist zweifellos, die besagt,
der so untröstlich unglückliche und nie sein Glück findende Mensch sei
so sehr in sich selbst verliebt und messe folglich seine Umwelt und
Mitmenschen stets an seiner eigenen Perfektion, dass ihm mit irdischen
Mitteln so gar nicht beizukommen sei. Wer soll denn da auch kommen?
Da
mag was Wahres dran sein, denn nun kommen wir zum Autor der Platte des
Monats, Maximilian Hecker, und Gerüchte
besagen, er sei ein nicht einfacher Zeitgenosse, eine Zicke, Diva,
arrogant und eingebildet wahrscheinlich obendrein, und das Info zu
seinem Debut-Album "Infinite Love Songs" weiß zu berichten, Maximilian
wäre der Typ Junge, der - natürlich nur im übertragenen Sinn - vor dem
Spiegel masturbiert und sich hernach selbst Blumen schickt. Quod erat
demonstrandum.
Nur ein Tor würde eine derart grandiose und herzzereißende Sammlung von
Liebesliedern einfach nur "Love Songs" nennen. Der Sehnsüchtige setzt
ganz automatisch das Wort "infinite", also unendlich, davor, weil er gar
nicht anders kann, er ist nur fähig, das von ihm Beschworene, die Suche
nach der Liebe, als endlos einzuordnen. "Infinite" heißt aber auch
allumfassend, was ein nicht minder schönes Wort ist und beschreibt, wie
durchdrungen der Autor von seinem Thema und wie manisch fixiert auf
seine sture und konsequente Vorstellung von Erlösung er als Süchtiger
nun mal ist. Was logischerweise noch einsamer macht.
"There Was A Man
Who Loved Too Much, He Ended Up In A Prison Cell" singt Neill Tennant in
"Before", ein Stück, welches auch aus Maximilian Heckers Feder stammen
könnte. Wie der junge Berliner Multiinstrumentalist und erprobte
Straßenmusikant ohnehin alle nun zu namedroppenden Großen des
(Love)-Songwriting in sich, zumindest in Spurenelementen, vereint, und
dabei singt wie Jôn Thôr Birgisson von Sigur Rôs, obwohl er
offensichtlich nicht dessen Sexualität teilt, und trotz aller
Ähnlichkeiten quasi im Alleingang eine so persönliche, auch hier mal
angenehm undeutsche und unberlinerische, Popmusik erfunden hat, ist,
zumindest für mich und am heutigen Tag, äußerst beeindruckend. Musik,
die vor Schönheit sterben möchte, wenn da nicht noch so verdammt viel zu
sehnen wäre. Alone Is The New Together.
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