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Lass dich umarmen
Ich war schon ein paar Mal in diesem Restaurant, und habe jedes Mal unvergleichlich gut gegessen. Mit dementsprechend hohen Erwartungen sitze ich nun hier. Der Kellner serviert Creme Brulée in einer gläsernen Schale. Sie schmeckt überirdisch gut. Weich, süß, edel, ein Traum. Ich lehne mich zufrieden zurück und genieße.
Der König des Tear-Pop schenkt uns pünktlich zum Herbstbeginn eine neue Platte. "I'll Be A Virgin, I'll Be A Mountain" verspricht Maximilian Hecker und spielt damit auf die Ideale von Reinheit und Ewigkeit an. Die auskomponierte Sehnsucht nach ewiger Glückseligkeit hat auf Heckers bisherigen Alben für einige der schönsten musikalischen Momente der letzten Jahre gesorgt.
Das erste Stück der neuen CD, "Snow White", schließt da an, wo der Vorgänger "Lady Sleep" geendet hatte: Melancholisch und zärtlich haucht Heckers wohlvertraute Stimme zu sanften Klavierklängen. Ja, genau das war es, worauf es sich gelohnt hat, anderthalb Jahre zu warten.
Der nächste Gang ist wieder eine Süßspeise, diesmal mit etwas herber Bitterschokolade, ebenso fein, ebenso köstlich. Der letzte Bissen: eine saure exotische Beere.
Manchmal klingt Hecker wieder wie auf seinem Debütalbum "Infinite Love Songs". Für den Schlussakkord von No More Lies To Reach You würden manche Songwriter auf dem Schwarzmarkt hohe Summen bezahlen.
Der Kellner bringt mir ein Soufflee, raffiniert und aufwendig in der Zubereitung, zergeht es leicht und schaumig auf der Zunge, ein sinnlicher Genuss. Ich lächle selig vor mich hin. Als nächstes Kakao mit Sahne, dampfend und heiß. Ein wohliges Wärmegefühl breitet sich in mir aus.
Falls noch irgendjemand daran gezweifelt haben sollte, nach "Silly Lily, Funny Bunny" ist es bewiesen: Ja, Songs können umarmen. So innig, dass man es körperlich spüren kann. Und wenn draußen die Nebelzeit beginnt, werden Lieder wie der Titeltrack "I'll Be A Virgin, I'll Be A Mountain" zur wärmenden Decke, in die man sich kuscheln kann, während es Tropfen oder Tränen regnet.
Dann wieder ein Dessert, ein raffiniertes Gericht mit fruchtigem Beigeschmack. Dann ein kunstvoll angerichtetes Mousse aus weißer Schokolade. Auch wenn jede der Süßspeisen gut schmeckt, so langweilt mich das nun langsam schon ein bisschen und ich beginne mich nach etwas anderem zu sehnen. Ich weiß doch von früher, dass der Koch auch andere Speisen hervorragend zubereiten kann — warum tut er es bloß nicht mehr?
Zweifelsohne schaffen es die Stücke auf "I'll Be A Virgin, I'll Be A Mountain" zu berühren. Sie sind zwar manchmal hart an der Grenze zum Kitsch, jedoch nicht banal, da der schwebende, zerbrechliche Klang ästhetische Höchstnoten verdient. Und trotzdem fehlt hier etwas. Auf sinfonische Fantasien wie "Birch" wartet man vergeblich, ebenso auf emotionale Ausbrüche und auf das zupackende Element, das die bisherigen Hecker-Platten besonders reizvoll machte. Es gibt leider auch nur einen einzigen Song in einer Moll-Tonart.
Noch eine Creme Brulée, diesmal in einer silbernen Schale. Ich koste vorsichtig, und vergesse mit einem Mal alles, was ich zuvor an der Menüfolge kritisiert habe. Ich vergesse eigentlich alles, was ich sagen wollte. Hoffentlich ist diese Portion nie aufgegessen.
Dann ist es plötzlich da, das Lied, das eine, das, was jeden Zweifel verstummen lässt. "Feel Like Children", die Reprise von "Snow White", seit einem Jahr der emotionale Höhepunkt von Heckers Livekonzerten, ist auch auf CD eines der verzückendsten traurigen Lieder, die je geschrieben wurden. Dass man bei seiner Musik weint, hat sich Maximilian Hecker einmal gewünscht. Das wird auch bei diesem Album in Erfüllung gehen.
Fazit: Der Herbst kann kommen.
[7/9]
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