„Die deutschen Charts sind eine Strafe.“



Ich würde gerne mit einem Zitat beginnen. "Nichts verringert einen Menschen so und zieht ihn so herab wie das Bewusstsein, nicht geliebt zu sein." (Hjalmar Söderberg: Doktor Glas). Würdest du das so unterschreiben?

Bei Erich Fromm kommt das ja vor, dass derjenige, der nicht geliebt wird, sich in den Wahnsinn flüchten muss. Dass das ein Grund für den Wahnsinn sein kann. Vermutlich ist das so. Rein biologisch bedingt.

Beim Interview zu deinem zweiten Album sind wir uns nicht einig geworden, mit welchem Adjektiv man das ausstatten sollte. Ich sagte "traurig" und du "euphorisch". Können wir uns bei deinem dritten Album auf das Wort "tröstend" einigen?

Das klingt schon besser. In der Presseinfo steht ja auch, warum es sich eben um Euphorie und nicht um Trauer handelt. Da geht es ja um die Erfüllung der Sehnsucht nach Körperlosigkeit, was ja etwas positives darstellt, auch wenn es über den Umweg "Tod" führt. Und das Singen darüber ist ja ausschließlich etwas Euphorisches und Schönes. Das ist relativ schwer zu erklären. Bei meinen Liedern – also ich sehe das so, wenn irgendwas einen morbiden oder traurigen Anschein hat, dann sind es die Texte und nicht die Musik. Die Musik empfinde ich durchaus als schön und harmonisch zu 80 bis 90 Prozent, wobei durch die das Schöne betonende Musik deutlich wird, dass die Bedeutung des Textes ja gar kein morbider sein kann, sonst würde die Musik ja ähnlich morbide klingen, sondern das heißt eben, wenn ich beispielsweise singe "I’m dying" und die Musik besonders harmonisch ist, zeigt das ja, dass der Wunsch zu sterben in diesem Moment etwas Schönes ist. Und die Musik untermauert das eben.

Das musst du mir aber mal genauer erklären, dass sterben etwas schönes -

Noch mal alles erklären?

Also meinst du mit sterben wirklich sterben?

Nein, ich meine nichts bezüglich der Realität, das ich das vorhabe. Alles entspricht der Wahrheit, was ich sage, aber es sind natürlich ideelle Konzepte, beziehungsweise abstrakte Erklärungsweisen der Sachverhalte oder der Welt. Sterben ist ein Synonym für Körperlosigkeit. Und in dem Moment, in dem der Mensch geboren wird, ist er sozusagen mit der Schwerkraft konfrontiert. Das macht natürlich auch das Wesen der ganzen Welt und der ganzen Physik aus. Die Schwerkraft bedingt sozusagen die Realität, aber gerade deshalb ist es der Wunsch des Menschen, der ja im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen einen Geist hat, die Schwerkraft zu überwinden. Einerseits gibt es die Sehnsucht "Zurück in den Mutterbauch", andererseits gibt es die Sehnsucht nach dem Tod, die ja zum Beispiel in der Psychologie von Sigmund Freud auch benannt wurde, der sogenannte Todestrieb. Aber das ist auch ein uraltes Thema – in der Bibel wird das ja auch bildlich ausgedrückt durch das Paradies. Das Paradies stand ja mehr für einen vorgeburtlichen Zustand, beziehungsweise für einen körperlosen, erlösten Zustand, und der Mensch wurde dann sozusagen mit der Realität, physikalisch ausgedrückt mit der Schwerkraft konfrontiert, und dadurch kam sozusagen das Leiden in die Welt.

Und dann gibt es da eben den Wunsch nach der Erlösung, im christlichen Sinne das Paradies. Also das ist auch gar nicht speziell mein Grundthema auf der Platte, sondern das ist das Grundthema des Menschen an sich und weil es das Grundthema des Menschen ist, ist es auch mein Grundthema und deshalb singe ich andauernd darüber. Ich will das also gar nicht so sehr an mein Privatleben hängen.

Würdest du sagen, dass du mit deiner Musik der Körperlosigkeit näher kommst?

Also zunächst ist das das Thema meiner Musik, auch auf den Alben vorher. Nun kann man aber natürlich als Mensch Spurenelemente der Schwerkraft erahnen auf der Welt, durch zum Beispiel Liebeserlebnisse oder Rauscherlebnisse, was natürlich in allen Kulturen vorkommt, durch Rausch der Schwerkraft zu entfliehen. Es ist tatsächlich so, dass durch die Musik auch ein ähnlicher Zustand bei mir erreicht wird und der auch beim Hörer erreicht werden kann. Die Kunst ist ein Mittel, mit der der Mensch der Schwerkraft entfliehen kann.

Und denkst du, dass viele, die deine CDs hören, genauso darüber nachdenken werden?

Was heißt nachdenken? Das ist schon alles recht emotional und kann ohne nachdenken verstanden werden.

Du hast ja mal gesagt, dass es immer ein sehr technischer Vorgang ist, wenn du ein Lied schreibst. Nun kann ich mir das beispielsweise bei einem so emotionalen Stück wie 'I’m Dying' nur schwer vorstellen.

Man darf eines nicht vergessen: Das Lied ist immer die Harmoniefolge. Den Text und die Melodie bezeichne ich gar nicht als "das Lied". Und in diesem Fall ist es ja nur eine Textzeile. Na ja – da hab ich halt dieses Lied gehabt und mich gefragt: Was sing ich jetzt? Ich geh' zum Supermarkt, ich rette die Robben – ne, also "I’m dying". Das klingt doch irgendwie besser, weißt du? Das Schreiben des Liedes ist tatsächlich ein technischer Vorgang. Das Schreiben des Textes ist aber ganz isoliert davon und da muss ich mich auch hin und wieder zu zwingen, weil das so das unangenehmste ist.

Es gab zu dieser Textzeile "I’m dying" also keinen speziellen Anlass?

Natürlich gab es einen Anlass, aber nicht dass ich AIDS hatte oder Krebs.

Um noch mal auf das Tröstende zurückzukommen. Das ist mir ja beim letzten Stück aufgefallen mit diesem Glockenspiel. Das wäre ein super Weihnachtslied gewesen, sehr fröhlich.

Ist eben ein Volkslied und deshalb auch Weihnachtslied.

Das war so einer der fröhlichsten Songs, die ich je von dir gehört habe.

Ja – aber hast du dir mal den Text durchgelesen?

Nee, worum geht's denn?

Also der Schlaf wird personifiziert als Frau und mit dieser Frau habe ich eine Affäre und zwar jede Nacht und allerdings verlässt sie mich immer am Morgen und ich stelle auch fest, dass sie mit anderen Affären hat und am Schluss wünsche ich mir dann, dass sie für immer bleibt. Also das ist dann eine Metapher für Todessehnsucht.

Und das ist vollkommen ernst gemeint?

Ja wieso, was soll das denn heißen? Wieso sollte es denn nicht ernst gemeint sein? (fängt ein wenig an zu lachen)

Es ist ja immer so ein Streitpunkt bei dir, dass in ganz vielen Rezensionen steht: "Das kann der doch gar nicht alles ernst meinen und so schlimm kann es doch alles gar nicht sein."

Ich meine, was ist, wenn du Goethe fragst: Ist Die Leiden des jungen Werther Ernst gemeint? Da kann man doch gar keine Antwort drauf geben. Es ist doch Kunst, dann ist es natürlich ernst gemeint. Die Frage ist natürlich: Goethe, gehst du jetzt auch hin und schießt dir in den Kopf? Und dann wird er sagen: Nein.

Ich meine, du brichst das ja auf deinen Konzerten auch immer ironisch, indem du Witze erzählst. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass es dir auch manchmal zuviel wird?

Das hat eher damit zu tun, dass ich denke, dass ich den Leuten auf den Geist gehe und dann versuche ich, das durch einen Witz aufzulockern. Aber mir wird das nicht zuviel.

Lady Sleep kehrt ja wieder mehr zurück zu deinem Debütalbum. Ist das ein Zugeständnis, dass es auf Rose etwas zuviel Bombast war?

Also das hat Kitty-Yo in der Presse-Info so interpretiert. Das ist natürlich kein Zurückgehen, sondern es ist so, dass man im Laufe der Zeit ein paar Liederideen ansammelt und wenn man über das Arrangement nachdenkt, denkt man "Ah, Stück 1 Streicher und Pauken, bei Stück 2 nur eine Gitarre und Gesang und bei Stück 3 passt am besten Klavier und was weiß ich". Und so ist das je nach Liedidee anders. Und bei diesem Album war es eben meist so, dass die Ideen ein reduzierteres Arrangement verlangt haben. Das ist keine Konzeptentscheidung, sondern eine Einzelentscheidung.

Auf 'Eventually, She Goes' gibt es ja zum einzigen Mal verzerrte Gitarren. Ist das dann so eine Eingebung, dass das da jetzt unbedingt hinmuss?

Ich weiß nicht. Es gibt immer so merkwürdige Vorstellungen bei Journalisten wie Musiker die Platten machen. Dass einer da sitzt und "Jetzt muss aber". Während man am Klavier sitzt, denkt man ja nicht an die fünf anderen Lieder, die man schon geschrieben hat, sondern denkt an diese Liedidee, die einem gerade kommt und merkt "Bei diesem Refrain passen am besten verzerrte Gitarren." Und dann hat man elf Lieder zusammen und packt die einfach auf das Album. Dass das natürlich in diesem Moment ein Bruch ist, das merke ich auch, aber ein bisschen Abwechslung kann ja auch nicht schaden.

Es mag durchaus Bands geben, die denken "Jetzt müssen wir mal und überhaupt, damit die und die denken.". Ich weiß nicht inwieweit Radiohead das gemacht haben oder Pink Floyd, aber bei mir ist das nicht so. Das ist eher eine Herangehensweise aus dem Bauch heraus.

Aber dein neues Album ist ja doch insgesamt eher ruhiger geworden. Woran lag das? Ich meine, auf Rose gab's ja noch elektronische Sachen und mindestens zweimal Gitarrengewitter.

Ja – wenn man's klischeehaft ausdrücken will, kann man sagen: Mit der Zeit der Reife sind auch die Ecken und Kanten weg.

Aber du hast ja schon immer eingängige Musik geschrieben.

Tja, woran liegt's?

Es klingt so, als hättest du es im Winter geschrieben.

Was heißt geschrieben? Ja, über mehrere Jahre – das mit dem Winter, ich weiß nicht. Wie gesagt, es ist eher eine musikalische Herangehensweise und nicht so von äußeren Umständen abhängig. Es ist wahrscheinlich eine Charakterfrage. Wenn man sehr extrovertiert ist, ist man wahrscheinlich von Außeneindrücken stärker beeinflusst. Und da mag es dann Musiker geben, wenn die in Paris sind, klingt das Lied ein bisschen nach Paris und wenn es Winter ist, dann nach Winter. Aber ich bin eher introvertiert und da sind die Außeneindrücke nicht so entscheidend.

Hast du auf deiner Welttournee mit dem Goethe-Institut auch Songs geschrieben?

Ja, zwei. Witzigerweise in 20 Minuten. In einem Studentenwohnheim in Sydney in einem leeren Raum mit nur einem Klavier. Das erste und das letzte Stück.

Was hast du aus der Welttournee mitgenommen? Sind die Leute vom Goethe-Institut wirklich so uncool, wie man sich die vorstellt?

Darüber habe ich jetzt gar nicht nachgedacht. Also weniger was intellektuelles, als vielmehr was emotionales. Rein technisch gesehen Kennenlernen von vielen Ländern und Kontinenten und auch die Wertschätzung der Heimat. Mmm, die Institutsleute? Also alle sehr nett und aufgeschlossen.

Und welche Songs hast du unterwegs gehört?

Ich hatte die Devendra Banhart mit und Adam Green, Friends Of Mine. Und ich hab erst dann angefangen, Björk zu hören.

Aus welchem Anlass?

Ich hab von meinem Bruder zu Weihnachten 2003 Vespertine geschenkt bekommen, hatte die dann aber mehr so aus Pflichtgefühl mitgenommen auf die Tour, dann aber angefangen zu hören und dann habe ich mir auf der Tour noch ein paar Sachen gekauft.

Und wie hast du dich sonst auf der Tour abgelenkt?

Ja – Groupies natürlich. Ne, stimmt nicht. Abgelenkt war man ja schon dadurch, dass man die Städte besichtigt hat. Wir hatten ja relativ viel Zeit, drei bis vier Tage in jeder Stadt, da ist man dann einfach rumgegangen.

In welchen Situationen würdest du 'Lady Sleep' hören?

Zu so was kann ich gar nichts sagen. Immer wenn man Bock hat.

Auf deinem neuen Album sind Gitarren ja sehr selten. Ich war ja schon fast überrascht, wenn ich mal wieder einige gehört habe.

Gitarren? 2, 3, 4, 5, 6 – alles Gitarrenstücke.

Oh -

Ich meine, auch wenn ein Stück mit einem Klavier beginnt, heißt das ja nicht, dass die Gitarre, die man anschließend hört, keine Gitarre mehr ist.

Kannst du jetzt eigentlich von deiner Musik leben? Ich meine, dein zweites Album ist ja auch in die Charts eingestiegen –

(lacht laut) – ja, vor allem, weil die Charts Geld bringen – (lacht) 'tschuldigung – ne, Leben konnte ich schon von Anfang davon. Leben kann man als Solomusiker ganz gut. Das Problem ist, wenn die Musiker in Bands spielen und dann nicht genug kriegen.

Und welche Chartplazierung visierst du mit deinem neuen Album an? 'Rose' ist ja damals auf 82 eingestiegen.

Man darf eines nicht vergessen. Deutsche Charts – wer da oben ist, das ist eine Strafe und zweitens kann heutzutage mit 200 verkauften Alben in die Top 100 kommen. Ich weiß nicht, was ich will. Ich will gar nichts. Ich will in England auf Nr.1 oder was weiß ich, aber nicht in Deutschland.

So, zum Abschluss noch ein paar Fragen zum Musikjahr 2004. Was waren für dich die größten Alben?

Ja – ähm – mal kurz überlegen. Das musste ich schon mal irgendwo beantworten bei den E-Mails – ich guck mal kurz nach – – – - – – [Räuspern] – so hier: Kings Of Convenience – Riot On An Empty Street Gonzales – Solo Piano Radiohead – Com Lag Björk – Medulla Devendra Banhart – Rejoicing In the Hands

Deine Meinung zur Radioquote?

Die Radioquote – oh Gott, das hätte mir auch fast den Hals gekostet. Ich hatte ja auf so einem Bogen schon unterschrieben, dass die kommen soll und zwar war ich auf so einem Treffen geladen von Antje Vollmer, die ich privat kenne. Bei dem Treffen wusste ich noch gar nicht, dass es ein Treffen derjenigen ist, die dafür sind, sondern ich dachte, dass sei so ein allgemeines Treffen und schon hatte ich meinen Namen auf der Liste und dann musste ich später in einem Interview erklären, warum ich die Quote will und doch gar keine deutsche Musik höre. Also das ist ein wunder Punkt bei mir – ich meine – keine Ahnung. Ich bin dagegen. Ich entscheide mich um. Ich nehme meine Unterschrift zurück.