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PRESS ARCHIVE > GERMAN > FEATURES > NEON.DE 2006-10 |
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Kopfhörer-Katharsis
Maximilian Hecker wird missverstanden - als naturtrüber Tränenpalast-Architekt.
Dabei ist sein Thema doch die Glückseligkeit. Eine Klarstellung.
Mit den Worten "Es geht um die Sehnsucht danach, die Last des Lebens – die sich
durch den Körper bzw. die Schwerkraft darstellt - abzuwerfen", erklärte
Maximilian Hecker im Januar 2005 sein drittes Album "Lady Sleep". Er ergänzte:
"Ein Zustand, den man als Mensch ja schon einmal erlebt hat: vor der Geburt. Es
geht um die Sehnsucht, diesen Zustand wieder zu erreichen." Isoliert von
Heckers Musik betrachtet, konnte vermutlich nicht jeder etwas mit dieser
Aussage anfangen. Wahrscheinlich sogar die wenigsten. Man mochte den Künstler
wahlweise einen "verkopften Philosophen" oder aber ein "Genie mit gutem
Verhältnis zur direktenNachbarschaft" nennen. Sobald man allerdings seine Musik
hörte, füllten sich die bis dahin doch eher abstrakten Worte mit spürbarem
Inhalt. Und nachvollziehbarem Sinn.
Theodor W. Adorno (1903-1969) hätte Maximilian Heckers Songs nicht nur
verstanden, sondern vermutlich auch sehr gemocht. Denn der Philosoph äußerte
einmal: "Glück ist nichts anderes als das Umfangensein, Nachbild der
Geborgenheit in der Mutter." Und genau dieses Umfangensein ist es, was Heckers
Musik ausmacht: ein Umschwärmen, ein Wattieren, ein Einlullen, ein
Illuminieren, ein Mitnehmen. In einen höheren Zustand. Seine Musik formt einen
Kreis, der durch in Harmonie und Wohlklang gereichte Hände geschlossen wird -
und die Zeitlosigkeit in ihrer Mitte begrüßt. Wie sagte Aristoteles: "Was ewig
ist, ist kreisförmig, und was kreisförmig ist, ist ewig." Passt hier eigentlich
ganz gut.
Maximilian Hecker ist also gar nicht der Tränenpalast-Architekt, den viele in
ihm sehen. Er baut viel eher ein sanft gefedertes Cape Canaveral für die Seele,
die durch seine Musik eine Metamorphose zum schwerelosen
Astronauten-Glühwürmchen erlebt. Und zumindest eine Albumlänge lang erahnen
kann, wie es ist, wenn Raum und Zeit das persönliche Koordinatensystem
verlassen.
Am 22. September ist Heckers neuestes Werk erschienen - "I'll Be A Virgin, I'll
Be A Mountain" (V2 / Rough Trade). Wieder eine zart orchestrierte Hypnose aus
Klavieraquarellen, Gitarrenidyllen und Streicherpanoramen; hier und da eine
regenbogengleiche Erscheinung: ein Glockenspielkristall, eine nestwarme
Klarinette oder ein würdevolles Waldhorn. Neu ist, dass nun auch Heckers
kraftvolle Bruststimme zum Einsatz kommt - und ein gutes Gegengewicht zu seinem
hauchzarten, pastellfarbenen Kopfstimmen-Timbre bildet. Man liest, er habe
jetzt Bob Dylan für sich entdeckt und dieses Gerücht scheint sich gleich
doppelt zu bestätigen: Zum einen werden in "Velvet Son" Themen aus "Sad-Eyed
Lady Of The Lowlands" liebevoll aufgegriffen, zum anderen könnte die
Akustikgitarrenzauberei "Messed-Up Girl" von His Bobness höchstpersönlich
stammen. Die Klangästhetik der Ballade "Your Stammering Kisses"
(Hammond-Orgel!) verbeugt sich zudem vor den späten Sechzigern und frühen
Siebzigern. In der hinreißenden ersten Single, dem dezent beatlesken "Silly
Lily, Funny Bunny", hat sich sogar ein nostalgisches "Love is all you need!"
eingeschlichen. "Snow White" schwebt traumverloren in gleißend hellen Sphären,
"The Saviour" offenbart das schönste Streicher-Arrangement der ganzen Platte
und "Feel Like Children" hält einen goldenen Satz für's Poesiealbum parat:
"You're not mine / But I am yours."
"Oberflächlich betrachtet, ist dieses Album wohl die positivste Platte, die ich
bisher gemacht habe", verkündet Maximilian Hecker. Im Grunde gehe es in all den
Liedern, die er jemals geschrieben habe, ausschließlich um eins:
Glückseligkeit. "Meine Vorstellung von Glückseligkeit", erklärt er, "mag sich
von der anderer Leute unterscheiden und bezieht sich nicht auf Spaß, Lachen
oder Tanzen. Sondern auf die Befreiung von der Last, die das Leben birgt. Da
sind dann die Metaphern des Todes oder der Apokalypse lediglich Bilder für den
Übergang zum Glück. Nichts an ihnen ist morbide oder traurig gemeint."
Der amerikanische Dirigent Yehudi Menuhin (1916-1999), nebenbei einer der
größten Violinenvirtuosen des 20. Jahrhunderts, hätte Heckers Musik bestimmt
auch gemocht. Oder zumindest einen Seelenverwandten in ihm erkannt. In seinem
Buch "Kunst als Hoffnung für die Menschen" konstatierte Menuhin nämlich:
"Glückseligkeit und das Streben danach ist ein edles Ziel der Menschheit,
nirgendwo ist es greifbarer als in schönen Werken - besonders in der Musik, die
an sich Abstraktion und Sublimierung aller komplexen und widerstreitenden
Faktoren ist." Diese Greifbarkeit zu erschaffen, gelingt Maximilian Heckers auf
seinem neuen Album, "I'll Be A Virgin, I'll Be A Mountain", bravourös. "Die
beiden Metaphern von Berg und Jungfrau", erläutert er, "enthalten meine
Sehnsucht nach Ewigkeit und Reinheit. Entscheidend ist die Möglichkeit, in der
Kunst diese Zustände vorwegnehmen zu können. Denn das Erreichen jenes
statischen Zustandes von Reinheit und Ewigkeit ist mir in der realen,
dynamischen Welt zwar nicht vergönnt - doch diese Dynamik kann ich mithilfe
meiner Lieder überwinden: indem ich mein lyrisches Ich diesen Zustand der
Statik erleben lasse."
In der Philosophie heißt der Zustand der Glückseligkeit "Eudaimonie". Das
stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet gleichzeitig eine von Sokrates
begründete Lehre. Aristoteles (384-322 v.Chr.) führte diese fort und erachtete
die Glückseligkeit als höchstes Gut, weil sie um ihrer selbst willen erstrebt
wird - und nicht bloß Mittel zum Zweck ist: "Glückseligkeit ist das vollkommene
und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns." Und die Ratio - das
Merkmal, das den Mensch von anderen Lebewesen unterscheide - sei der Motor des
Tuns, das zum Zustand der Glückseligkeit führe. Vor diesem Hintergrund
überrascht es nicht, dass Maximilian Hecker seine Stücke stets in nüchterner,
ausgeglichener Stimmung schreibt. Denn starke Emotionen (Wut, Verzweiflung,
Verliebtsein etc.) würden - wie er in einem Interview mit einem bekannten
österreichischen Radiosender verriet - doch nur bewirken, dass man sich nicht
auf das Schreiben konzentrieren könne.
Und das Ergebnis dieses Schreibens - was ist es nun? Weit entfernt von
naturtrüber Tränenpalast-Architektur. Sondern viel eher eine Art
Bewusstseinserweiterung. Kopfhörer-Katharsis. Und immer wieder: ein
Umschwärmen, ein Wattieren, ein Einlullen, ein Illuminieren, ein Mitnehmen. In
einen höheren Zustand.
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