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PRESS ARCHIVE > GERMAN > FEATURES > PNG 10/2006 |
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No more Grössenwahn
In einem Gespräch relativiert Maximilian Hecker die Stichhaltigkeit
dessen, was er sagt, auffallend oft selbst. "Jetzt widerspreche ich mir
aber, oder?", sagt er dann zum Beispiel. Man darf dankbar sein, wenn
einem ein Gesprächspartner gegenüber sitzt, dem das eigene
Geschwätz von vor fünf Minuten überhaupt noch einen
Gedanken wert ist. Man möchte Maximilian Hecker beruhigen, denn das
gelegentliche inkonsistente Schlingern durch die eigene
Selbsterklärung wirkt geradezu nebensächlich vor den
großen Widersprüchen an denen er sich seit jeher abarbeitet.
Vor der Widersprüchlichkeit seiner eigenen Motive, die er mit einem
neuen Album, mit einem Album namens "I'll Be A Virgin, I'll Be A
Mountain", ausformuliert:
"Wenn man sich direkt auf den Titel des Albums bezieht, dann ist es der
Wunsch, in der realen Welt die Glückseligkeit zu erleben und die
gleichzeitige Erkenntnis, dass genau das eigentlich paradox ist.
Reinheit und Vergeistigung sind ja faktisch für jemanden aus
Fleisch und Blut nicht erlebbar. Auf diese Erkenntnis folgt Kapitulation
und der Abbau von Idealismus. Das neue Album ist realistischer als die
vorherigen. Es versucht sich nicht selbst im Weg zu stehen, nicht
ständig das unerreichbare zu wollen, sondern sich zu bescheiden,
die Realität wahrzunehmen. Den Größenwahn, die Egozentrik
hinter sich lassen, versuchen, erwachsen zu werden und durch Realismus
das Maximum an real verfügbarem Glück zu erfassen und nicht
einem paradoxen Glück hinterher zu rennen."
"Oh Maximilian!", möchte man da ausrufen, "Deine
schwärmerische Seinsferne hat uns immer so sehr gerührt, wie
soll Dir bitteschön Realismus zu Gesichte stehen, wie zu anmutigen
Songs verhelfen?" Die Antwort ist in den Liedern, die im Inneren immer
gleich sind, wie Maximilian sagt. Egal, welches Motiv sie dirigiert,
egal in welcher Stimmung sie verfasst sind, egal welche Art von
Instrumentierung sie einfordern, sie sind im Inneren immer gleich. Sie
greifen immer noch nach dem Unerreichbaren, sie sind sich der
Unerreichbarkeit ihrer Anreize nur besser bewusst. Maximilian sagt auch,
so etwas wie die Art des Arrangements oder ein innovativer
Produktionskniff oder die Instrumentierung seien Dinge, denen gerade die
Musikkritik unentwegt hinterher hechelt, die im Grunde aber unbedeutend
werden vor der Güte des Songs und dem Ausdruck in der Stimme.
Maximilian umschließt mit seinen Liedern das Wesentliche. Immer
schon, aber auf dem neuen Album, diesem "I'll Be A Virgin, I'll Be A
Mountain" mit einer außergewöhnlich selbstsicheren
Entschlusskraft. Natürlich spricht es wieder von Sehnsüchten,
es spricht von Reinheit, von Ewigkeit und von Liebe, es spricht davon in
einer gewandten und fintenreichen Sprache, in einer Sprache, die er
stärker durchdenkt als zuvor, denn seit er Bob Dylan als eine
seiner Anregungen zulässt, sind ihm auch die Texte wichtiger
geworden. Er spricht von all diesen Dingen, er singt von ihnen,
natürlich, diesmal aber nicht mehr ausschließlich mit Falsett-
sondern auch mit Bruststimme, er kleidet sie in ein
Songverständnis, das sich offenkundig von allerlei internationalen
Songwritertraditionen leiten lässt und doch am Ende unverkennbar
ist. Denn er implementiert in dieses Verständnis das Wesentliche
und Unverrückbare, die Intuition des Suchenden.
Vielleicht ist es gerade das Missverstehen dieser Intuition, das
Maximilian Hecker manchmal vorkommen muss wie ein Missverständnis
seiner Person. Er fühlt sich sehr oft missverstanden, so scheint
es. Darum wird er auch nicht müde, sich zu erklären, selbst
wenn er dadurch den Mythos, den er immer wieder mit seinen Liedern
belebt, vorsätzlich einebnet. Ein Mythos lebt im Unausgesprochenen,
das weiß auch Maximilian Hecker, insbesondere auf der Bühne.
"Ich rede auf der Bühne zum einen, weil ich vermute, dass das von
mir erwartet wird. Am liebsten würde ich gar nicht reden. Am
liebsten wäre es mir, wenn nach jedem Lied ein Vorhang herunter
kommt und bei Beginn des nächsten wieder hochgezogen wird.
Während eines Songs vor Publikum zu stehen ist unproblematisch.
Schwierig wird es nur in den Pausen. Da fühle ich mich nackt,
beobachtet und ausgeliefert. Das abfallende Selbstbewusstsein versuche
ich dann wahrscheinlich durch Ansagen zu kompensieren. Es ist dann wohl
so, dass ich dieses unangenehme Gefühl durch verwirrende Ansagen an
das Publikum zurückgebe, obwohl es das mitnichten verdient hat."
Vieles an Heckers Person bleibt auch nach Erklärung uneindeutig,
sein vermeintlicher schöngeistiger Gestus, seine Konzession an
mancherlei Erwartungshaltung, die vor der Ausprägung eines
Klischees immer noch rechtzeitig einen Haken schlägt, die Rolle des
Missverstandenen, der aber Kritik, positive wie negative, an sich
abperlen lässt.
"Ein Song an sich trägt die Bestätigung für mich in sich,
ich muss nicht im Nachhinein durch Publikum oder Kritik bestätigt
werden. So etwas prallt glücklicherweise von mir ab. Ich bin nie
aufgeregt, wenn eine Platte veröffentlicht wird, ich bin nur
aufgeregt, wenn ich im Studio bin. Bei positivem Feedback auf der
Bühne ist es so, dass ich es innerlich als endlich einmal
angemessene Reaktion werte. Was allerdings nicht als Vermessenheit
missverstanden werden darf. Ich werde nicht euphorisch oder eitel, ich
denke nur: endlich reagiert mal jemand richtig! Das ist sozusagen der
Ausgangspunkt, die Norm, kein eigentliches Hochgefühl. Ich
würde durch positives Feedback also niemals den Boden unter den
Füßen verlieren, was natürlich enorm hilfreich ist. Wenn
man eitel würde, sich auf sich selbst etwas einbilden würde,
dann könnte man ein nächstes Album wohl vergessen. Dann
würde man sich sicher irgendwelchen stereotypen Lifestyles hingeben
anstatt gute Songs zu schreiben."
Vieles an Heckers Person bleibt uneindeutig, gerade die
Gedankenverlorenheit dieses Ich-Künstlers, der an mancher Stelle im
Widerspruch mit sich selbst ist. Die Widersprüche stehen vor den
großen Songs. An die stereotypen Lifestyles wird Maximilian Hecker
wohl nie verloren gehen. Das ist gut so.
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