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PRESS ARCHIVE > GERMAN > FEATURES > SPEX 05/2003 |
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Dem Himmel so nah
Maximilian Hecker hängt in den Seilen. Genauer gesagt schaukelt
er auf einer Art Trapez, das an seiner Hüfte befestigt ist. Den
ganzen Tag schon. Längst hat er sich blaue Flecken geholt, aber
das ist nicht so schlimm. Er kann einiges einstecken. Vor allem,
wenn es um seine Musik geht. Die Wand hinter ihm ist weiß und
hat keine Ränder. Sie wölbt sich vom Fußboden bis zur
hohen Decke. Von weitem sieht es so aus, als würde Hecker
mitten in einer Wolke sitzen.
Schon beim Betreten des Studio 2 im Ballhaus Rixdorf hat sich eine
merkwürdige Schere aufgetan. Auf der einen Seite Scheinwerfer,
Kabel, Kameras, Stühle und Menschen, die herumstehen oder den
Aufgaben nachgehen, die der Drehplan für sie vorsieht. Auf der
anderen Seite der schaukelnde Hecker, ganz allein, vor einem
Hintergrund, dessen Tiefe das Auge nicht bestimmen kann. Zwei
Bühnenarbeiter ziehen Hecker an einer Seilwinde nach oben. Die
Kamera läuft. Er kippt nach vorne und breitet flehend die Arme
aus. Eben hat er noch gelacht. Jetzt verziehen sich seine
Gesichtszüge wie in Agonie. Hecker ist ein Meister der
Inszenierung von Schmerz.
"Die Seile werden nachher am Rechner wegretuschiert", flüstert
die Regieassistentin. "Da muß jedes Einzelbild nachbearbeitet
werden". Außerdem soll der Hintergrund nachträglich
eingefärbt werden. Wenn alles fertig ist, wird es so aussehen,
als würde Hecker vom Himmel fallen.
Ein paar Tage später hat sich Hecker, den ich ab hier aus
rhetorischen Gründen lieber beim Vornamen nennen möchte
(und zwar beim vollen Vornamen. Im Kitty-Yo-Büro und beim
Videodreh habe ich gehört, wie sie ihn "Maxi" rufen. Nicht
"Max", sondern "Maxi". Ich fand es unmöglich, jemanden, der in
so jungen Jahren schon einen solchen Ernst und eine solche
Würde ausstrahlt, mit einer Verniedlichung zu belegen, die man
wahlweise mit einer Frauenzeitschrift oder einem Wellensittich
assoziiert) - also noch mal von vorne: Ein paar Tage später hat
sich Maximilian in einen Sessel fallen lassen. Sein Kinn liegt auf
der Brust, die Augen sind geschlossen. Die Starbucks-Filiale am
Hackeschen Markt ist eine Blase. Draußen spielt die Stadt ihre
Sinfonie. Fußgänger, Lieferwagen, Radfahrer und
Straßenbahnen ziehen am Fenster vorbei. Drinnen sitzt man
zusammen mit amerikanischen Rucksack-Touristen wie in einem
geräumigen und gut gepolsterten Aquarium. Die jungen
Milchaufschäumer hinter der Theke bemühen sich stets, auf
die amerikanische Art freundlich zu sein. Und die Musik ist auch
nicht schlecht. Gerade singt Nick Drake ein leises Lied. Wie
passend.
Hecker, also Maximilian, öffnet die Augen. Er besitzt keine
Kaffeemaschine. Deshalb kommt er öfter hierher. Der Kaffee ist
zwar unsinnig teuer, aber dafür kann man ungestört sitzen
und herrlich belanglose Zeitschriften wie "Bunte" oder "Gala" lesen,
um sich über die Kollegen aus dem Showgeschäft zu
informieren. So hat er zum Besispiel erfahren, dass Gwyneth Paltrow
und Chris Martin heiraten. Das hat ihn irgendwie eifersüchtig
gemacht. "Es klingt vielleicht blöd, aber ich hatte noch nie
eine Freundin." Bevor ich dreimal "Morrisey" sagen kann, fügt
er hinzu: "Aber um mein Sexleben braucht man sich keine Sorgen zu
machen."
Im letzten Herbst ist Maximilian sechs Wochen lang jeden Morgen mit
Bauchschmerzen aufgewacht. Früher als sonst, ans Ausschlafen
war nicht zu denken. Es war die Zeit, in der er sein zweites Album
aufgenommen hat. Eine qualvolle Zeit. Ständig begleitete ihn
die Angst, die Möglichkeiten seiner Stimme nicht voll und ganz
auszuschöpfen, zu versagen, wenn das rote Licht angeht. Doch
was bei den Aufnahmen herausgekommen ist, klingt so ,als könnte
es gar nicht anders sein. Jeder Akkord, jeder Seufzer scheint seinen
unverrückbaren Platz zu haben im Reigen der Sehnsüchte und
Liebesqualen.
Mit seinem Debüt "Infinite Love Songs" hat er sich an den Rand
eines Abgrunds der großen Gefühle begeben. Mit "Rose" ist
er noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat das verwirklicht, was
er eigentlich schon mit der ersten Platte vorhatte: Dass es
orchestral und episch klingt. Die elf Stücke wurden nur mit
einem Powerbook zusammen gesetzt, doch sie entfalten sich in einem
Ausmaß, als wären sie in den Abbey-Road-Studios
entstanden.
Und bis auf vier Bassläufe hat Maximilian wieder alles selbst
gemacht. Er operiert mit Kuschelrock-Klischees, die selbst Barry
Manilow die Schamesröte ins Gesicht treiben würden. Doch
wenn Maximilian davon singt, dass ihm die sieben Tage, in denen er
nichts von ihr gehört hat, wie 1000 Jahre vorkommen, klingt das
weder abgeschmackt noch kalkuliert. Im Gegenteil: Es wirkt. Das mag
daran liegen, dass es Maximilian gelingt, sein ausgeprägtes
Sendungsbewusstsein ("Schon als ich mein erstes Lied geschrieben
habe, war mir klar, dass es überhaupt nichts bringt, wenn nur
ich das höre") mit einem Universalitätsanspruch ("Meine
Umgebung spielt dabei keine grosse Rolle. Es geht nur um mich und
die Ewigkeit") und einer antrainierten Musikalität ("Ich kann
so gut mit Instrumenten umgehen, dass man denkt, ich würde sie
beherrschen") in Einklang zu bringen.
Dass seine Musik so stimmig und bewegend ist, hat noch einen anderen
Grund: Die Person, die in der Filiale einer amerikanischen
Gastro-Kette sitzt und über Einsamkeit und Erlösung redet,
ist deckungsgleich mit der Figur, die die Stirn hat, an einem
heißen Julinachmittag auf die Bühne zu gehen und Leuten,
die ihn noch nie zuvor gesehen haben, eine irritierende
Zeitlupenversion von "Take On Me" vorzusingen, so wie Hecker es
vorletztes Jahr beim Fest in der Auguststrasse getan hat. Im
Unterschied zur Trauer ist die Melancholie eine Form von Schmerz,
die mit Lust besetzt ist. Maximilian lebt und zelebriert diese Lust
am Schmerz. "Früher habe ich immer gesagt, dass ich nur deshalb
so schleimige Texte schreibe, damit die Mädchen Mitleid mit mir
haben. Das war eine Schutzbehauptung. Ich schreibe das, was ich
wirklich fühle."
Maximilian ist einer dieser Einzelgänger, die sich von der
Anonymität und der Vielfalt der Großstadt anziehen lassen
und zugleich daran verzweifeln. "Diese Stadt ist so kalt. Ich bin
seit fünf Jahren einsam. Am schlimmsten ist es Sonntagmorgens,
wenn man leicht verkatert aufwacht. Es ist Winter und der Himmel ist
grau. Dann spült man Geschirr. Aber eigentlich möchte man
sterben."
Doch zum Sterben ist Maximilian Hecker zu jung und zu talentiert.
Außerdem sieht er nicht nur bedeutend besser aus als z.B.
Erlend Oye. Er kleidet sich auch eleganter. Und er denkt und handelt
radikaler. Zumindest, was seine Vision von Musik betrifft. Mag sein,
dass er ein Weichei ist. Aber wenn das der Fall sein sollte, dann
habe ich noch nie ein zielstrebigeres Weichei gesehen. Er setzt
alles daran, das letzte Lied zu schreiben. "Wenn es verklungen ist",
sagt er, "kann das Universum implodieren. Klingt komisch, ist aber
mein Ziel. Es geht mir nicht um die anderen, sondern darum, dass ich
so ein mystisches, intensives Gefühl habe. Dass ich mich durch
das Lied erlöst und in dem Lied aufgehoben fühle. Dass ich
mich zurückkatapultiere in den Mutterbauch und gleichsam
körperlos werde. Dann weiß ich: Das Lied ist fertig. Dann
ist es mir auch egal, ob sich die Platte eine Million mal verkauft
oder nur einmal. Dann habe ich mein Ziel erreicht."
Na ja, jedenfalls fast. Bevor das Universum in sich zusammen
fällt, will er schon noch aufs Cover vom NME, an die Spitze der
englischen Charts. Und an die Seite einer Frau, die ihn liebt, und
die er liebt. Damit er sich endlich fallen lassen kann.
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