![]() |
|
LIVE |
|
RELEASES |
|
PHOTOS |
|
PRESS ARCHIVE > GERMAN > FEATURES > DIE ZEIT 2001-10-11 |
|
INFO |
|
CONTACT |
|
|
|
|
|
Einfach mal peinlich sein
Maximilian Hecker begann als Straßenmusiker und will Berlins
neuer Superstar werden
Der blasse junge Mann bewegt sich eher zögerlich durch die
moderne Metropole. Man sieht ihn auf vielen Partys, aber meistens
steht er am Rande, behält immer seinen Parka an und
unterhält sich kaum oder nur flüchtig, als müsse er
gleich weiter. Dabei lächelt er selten. Seine Schultern fallen
nach vorn, die Haare ins Gesicht, aber der Blick schweift in die
Ferne. Er ist eine Erscheinung. Wer glaubt, der blasse junge Mann
sei ein Artefakt, das sich überlebt hat, der irrt. Den blassen
jungen Mann wird es noch lange geben, und gerade jetzt hat er wieder
Hochkonjunktur.
Man kann sich kaum vorstellen, dass Maximilian Hecker, 23 Jahre alt
und seit drei Jahren in Berlin, jemals irgendwo ankommen wird.
Selbst im Hochsommer wirkt er irgendwie fröstelnd. Sein Blick
entzieht sich ständig, auch wenn es im geschlossenen Raum eines
nichtssagenden Cafés in Berlins Mitte nicht viel zu schweifen
gibt. Mit jeder Geste strahlt er aus: Pubertät ist ein
Entschluß, und solange es sie gibt, unsere erfolgsorientierte,
säkularisierte Gesellschaft, solange wird es auch mich geben -
den sensiblen Rebellen. Ich bin dagegen. Ich boykottiere euer
Arbeitsleben. Das Vitale ist mir zuwider. Weil ich die
Oberflächlichkeit unserer Jagd nach Konsum und Vergnügen
durchschaue und auf die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens
hinweise. Ich verneine die Neuerungen der Technik, die Leistungsshow
Techno, aber auch das coole Gefrickel, den elektronischen Kram und
was das alles aus der Musik gemacht hat.
Einfach nur schöne Lieder sind es, die von Maximilian Hecker
zum beeindruckenden Berliner Film 'alaska.de' und auf seiner vor
kurzem erschienenen Single 'Infinite Love Song' zu hören sind.
Allesamt kitschige Herzensbrecher, "traurige Balladen, die auf die
Tränendrüse drücken", erzählt er. Die Art von
Songs eben, die sich der Künstler nicht ausdenken kann, Songs,
auf die er warten muß, die zu ihm kommen, wenn es auch
manchmal Monate dauert. "I walk around alone at night", singt er in
seinem Hit. Neben purer Herrlichkeit und Harmonie verströmen
seine Lieder Ruhelosigkeit, grenzenloses Fluten, die Auflösung
alles Festen in Bewegung, und, vor allem anderen, süße
Sehnsucht, ganz getreu dem bekannten romantischen Motto: "Wo gehen
wir denn hin? Immer nach Hause."
Nun wäre es zu kurz gegriffen, der von Maximilian Hecker
kultivierten Haltung Originalität zu unterstellen. Der blasse
junge Mann ist ein Klischee, aber eins, das funktioniert. "Ich
glaube, die Leute wollen sich von mir berauschen lassen", sagt er.
So kann man es auch sagen. Und so kommt es, dass der Liedermacher
ausgerechnet bei Kitty-Yo, der zurzeit glitzerndsten Plattenfirma
Berlins, gelandet ist. Als eins der letzten kleinen Labels, das noch
nicht von der großen Industrie aufgekauft worden ist, will sich
Kitty-Yo, ganz Wille zur Macht, gemeinsam mit Bands und
Künstlern wie Gonzales, Kante und jetzt Maximilian Hecker von
unten ein Stück der großen Torte hamstern. Daher spart man
auch nicht mit grossem Tamtam. Doch ist das Geraune um den kommenden
neuen Superstar Berlins nicht nur inszeniert: Das Bedürfnis
nach Intimität scheint auch von einer neuen Müdigkeit in
Berlins Ausgehgesellschaft zu kommen.
Lange galt Berlin musikalisch betrachtet als Dorf, in dem außer
Kraut-und-Rüben-Rock kaum was geht. Es muffelte nach
Proberaumgemütlichkeit und süßlichem Retortenpop,
wirklich Eigenständiges war selten. Dann, vielleicht seit Mitte
der neunziger Jahre, brach plötzlich etwas los. In Clubs,
illegalen Bars und ranzigen Wohnzimmern entstand eine neue Szene,
ergaben sich Schnittstellen, Netzwerke, einem kleine Familie, aus
der einem ganze Reihe neuer, toller Bands mit putzigen Namen wie
Mina, Britta oder Jeans Team hervorgingen.
Gemeinsam schien ihnen ein Hang zum Kuscheln, eine Art Schutzsuche
vor Baustellen, Bonner Immobilienhaien und vorm kalten Berliner
Wind, der besonders im Winter um die Häuser pfeift: 'Komm an
den Ofen' hieß ein Lied, bei dem im Stil von Band Aid mehr als
dreizehn Szenehelden mitsangen. Was dieser Stimmung jedoch in
großen Teilen abgeht - und das scheint die Beteiligten
mittlerweile selbst zu langweilen -, ist der Griff nach den Sternen,
etwas Glanz und Eleganz und der Blick über den Tellerrand, zum
Beispiel auf Britpop.
Genau in diese Lücke fällt jetzt Maximilian Hecker, der
überall anzutreffen ist, wo es flauschig ist, sein
musikalisches Herz aber anderswo schlagen lässt. Noch das
Maß einer kleinen Stadt in Ostwestfalen im Kopf, begann er
seine musikalische Karriere als Straßenmusikant am Hackeschen
Markt. Dort spielte er die Lieder seiner Jugendidole, der Beatles,
von Simon and Garfunkel und Cat Stevens, deren Platten er bei seinen
Eltern, Akademikern, geliehen hatte, aber auch Neueres von Beck oder
Oasis.
Fast täglich, so berichtet er kokett, sprach ihn dort jemand an
und lud ihn zum Beispiel zu Castings ein, was ihn "ganz schön
wunderte". Eines Tages las ihn dann Almut Klotz auf, ehemals
Mitglied der legendären Berliner Lassie Singers, und
gründete mit ihm ihre neue Band Maxi unter Menschen, wo er vor
allem Schlagzeug spielte. Doch bei Konzerten am Ende des Programms
ließ er oft ellenlange Zugaben auf sein Publikum los, viele
davon Coverversionen von Travis oder Grandaddy. Es gab als
Bandmitglied einfach zu wenig Rampenlicht. Maximilian Hecker will
den Grössenwahn. Ein Star werden. Dafür hat er sogar seine
Ausbildung zum Krankenpfleger aufgegeben.
Diese Haltung könnte zwar für frischen Wind sorgen in
Berlin, wirkt aber auch auf viele ziemlich ambitiös. "Die
Lieder sind wirklich schön", hört man manchen Szenekenner
sagen, "aber das Getue von dem ist zum Kotzen. Und ausserdem macht
er auch nichts anderes als Britpop in Berlin". Weil Hecker all das
weiß, kann man ihn trotzdem süß finden. Er will gar
nicht eine neue Schule gründen. Er will sich nur selbst
entblößen, ganz wie seine Vorbilder, sein Herz auf die
Zunge nehmen und peinlich sein - trotz vieler gelungener Beispiele
in England und Übersee ein gewagtes Unterfangen hierzulande.
"Ich übertreibe meine Schwäche, meine Sensibilität,
meine Probleme, erwachsen zu werden - als Masche", erzählt er.
Aber auch: "Ich denke immer, ich kann etwas nicht bringen, weil es
zu kitschig ist, mache es dann aber doch, und hinterher denke ich,
mir geht es ja tatsächlich so. Ich erkenne immer erst im
Rückblick, dass das genau ja ich bin." Wäre demnach nicht
alles viel einfacher, wenn wir uns schlicht wohlfühlten in
unseren Klischees? Lustiger, spannender und entspannter?
So lange er so schöne Lieder macht, hat er seine universale
Berechtigung, der blasse junge Mann mit seiner träumerischen
Schwermut. Soll er ruhig immer weiter leiden, wie vor zweihundert
Jahren, heute und auch in tausend Jahren noch.
|
|
| |