I Am Nothing But Emotion CD

I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son

CD/LP, Blue Soldier Records/Pocket Records/Pastel Music/Love Da Records/Gold Typhoon Music, 2010


In trauter Einsamkeit

back Stellt Euch vor, Ihr wollt ein Kind zeugen. Würdet Ihr Euch dafür in ein Labor begeben, das optimale äußere Bedingungen gewährleistet und Euch sogar noch ein paar exzellente Techniker zur Seite stellt? Den Termin müsstet Ihr natürlich weit im Voraus festlegen, und auf Eure Tagesform könnte dann leider auch keine Rücksicht genommen werden. Aber man würde Euch eine erfolgreiche Befruchtung garantieren. Im Notfall eben eine künstliche. Vermutlich würdet Ihr dann doch lieber zu Hause neues Leben entstehen lassen, in trauter Zweisamkeit. Mit dem Plattenaufnehmen ist es manchmal ganz ähnlich. Und dass das sogar in trauter Einsamkeit bestens funktioniert, beweist Maximilian Hecker mit seinem sechsten Album - eingespielt in den eigenen vier Wänden, mit einfachsten Mitteln. Komplett alleine.

Der Klavierhocker knarzt? Das Fenster ist offen und ein Laster fährt lautstark vorbei? Keine Gründe, ein gerade aufblühendes Gefühl abzuwürgen und zu Gunsten vermeintlicher Perfektion die Aufnahme abzubrechen. Gerade wegen dieser Unverfälschtheit ist Heckers neuestes Werk sein mit Abstand authentischstes und wahrhaftigstes. Es besitzt den Zauber des gerade Entstehenden, teilweise sogar mit improvisierten Lyrics, und ist nicht weniger als eine ergreifende Simultanübersetzung von Emotionen in Musik. Wenn man sich erst einmal klargemacht hat, dass Perfektion nichts ist, was ein Künstler erreichen kann, sondern etwas, das erst im Ohr, im Kopf und vor allem im Herzen des Hörers entsteht, dann ist man dort angekommen, wo es sich neu zu beginnen lohnt. Befreit von allen Konventionen.

Die Sehnsucht nach diesem Neubeginn trug Hecker schon lange mit sich herum. Eine Nacht in Tokio, in der er eine Frau traf, der nun der Song "Nana" gewidmet ist, veränderte alles. Diese Begegnung dauerte nur wenige Stunden, war jedoch Trauma und Katharsis zugleich. Noch in derselben Nacht sang Hecker auf der legendären Shibuya-Kreuzung - mit den iPod-Stöpseln im Ohr, Alkohol im Blut und dem Handy im Aufnahmemodus - Bob Dylans "Sad-eyed lady of the Lowlands". Zu hören als historisch wertvoller Hidden Track auf "I am nothing but emotion, no human being, no son, never again son". Das Album selbst hat mehr mit Erlösung als mit Exzess zu tun. Es offenbart 13 Lieder von betörender Schönheit, die in ihrem Quasi-Demo-Sound so einiges mit einem Neugeborenen gemein haben - die Zartheit, die Reinheit, die Unschuld, das Urvertrauen und nicht zuletzt: die Hingabe an das Leben.

Alles beginnt mit dem Monolog einer Frau, in asiatischem Englisch und Zeitansagerinnen-Tonfall. Sie spricht offenbar auf den Anrufbeantworter von Heckers Seele. Und plötzlich ist da die Klaviermelodie von "Holy dungeon", die so herrlich einlullend klingt, als würde sie nebenbei einen Kokon weben. Sanftes Glockenspiel und weich gebettete Streicher kommen hinzu, und Hecker singt mit einer großzügigen Portion Hall auf der Stimme. Vielleicht hat er die Vocals aber auch bloß im Badezimmer aufgenommen. Angst vor ebenso pathetischen wie verwechslungsgefährdeten Titeln hat er jedenfalls nicht - aber "The greatest love of all" klingt mit seiner herzerwärmenden Akustikgitarren-Piano-Häkelarbeit auch eher nach Cat Stevens als nach Whitney Houston. "Messed-up girl" erweist sich hingegen als entschleunigte Reinkarnation des gleichnamigen Liedes von "I'll be a virgin, I'll be a mountain". Auch wenn die Klangfarben seiner Musik nach wie vor nicht unbedingt variantenreich sind, einen Song wie "Grandiosity" hat man von Hecker noch nicht gehört - das ist mindestens die Vorstufe zur ganz großen Ballade. Und endlich mal ein guter Grund, Chris de Burgh zu zitieren: I am high on emotion.

7/10